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Zuerst kommt die Story, dann das Design

Die Grenzen zwischen den Designwelten sind fliessend geworden. DCT traf sich mit Professor Auwi Stübbe, dem 1. Vorsitzenden des Coburger Designforum Oberfranken e.V. und Kurator der Coburger Designtage, um nach aktuellen Designtrends und der Bedeutung von gutem Design zu fragen.

Lieber Herr Professor Stübbe, der Übergang vom Produkt- zum Objekt-, Web- und Print-Design ist schwellenlos. Was muss Design heute leisten?
Prof. Auwi Stübbe (AS):
Die Lebenswelten und Zugänge zum medialen Angebot der Menschen werden immer vielfältiger. Die Zielgruppen suchen heute sehr viel stärker nach medialen Identifikationsmöglichkeiten. Deswegen werden z.B. immer häufiger Nischenmagazine verlegt, die sich auf genau eine Zielgruppe einschießen. Damit diese kleineren Auflagen und spezifischeren Inhalte aber Bestand haben, ist eine hohe Gestaltungsqualität gefragt. Das Design wird zur Stellschraube für die adäquate Adressierung. Es bestimmt die Wertigkeit und Akzeptanz von Medien und Objekten. Vereinfacht gesagt, ist Design eine universelle Sprache, mit der man gegenüber der anvisierten Zielgruppe passgenau kommunizieren und relevant bleiben kann.

Rücken Designer unterschiedlicher Disziplinen damit enger zusammen?
AS:
Unbedingt. Durch die Arbeit mit Werkzeugen wie Photoshop und anderen Programmen können sie sich heute viel besser und einfacher verständigen. Auf dieser gleichen Basis wächst ein enormes kreatives Potenzial und  – es mag paradox klingen – eine sehr viel größere kreative Heterogenität.

Stellen wir die „Henne-Ei-Frage”: Was ist zuerst da – Gestalt oder Gehalt?
AS:
Die Gestaltung ist hinter die Story von Produkten und Marken zurückgetreten. Der moderne Mensch sucht nach Identifikation mit einer authentischen oder berührenden Geschichte. In der Designberatung fangen wir daher zuerst mit dem Entwickeln einer Story an, aus der wir dann die Gestaltungsparameter ableiten. Das Design trägt die Tonalität der Story und arbeitet somit den Charakter von Produkten und Marken auf ganz entscheidende Weise aus. Damit verfolgt es aber keinen Selbstzweck, es bleibt nicht einfach nur schön oder ästhetisch. Es erzählt.

Zweck ist das Stichwort. Wie definieren Sie nachhaltiges Design?
AS:
Da habe ich eine relativ radikale Position. Nachhaltigkeit beziehe ich stark auf die Materialien, die das jeweilige Design ausmachen. Für mich ist es eine philosophische Frage, ob ein Produkt schön sein kann, das Mensch und Umwelt vergiftet. Das ist einer der Gründe, weshalb wir uns bei den Coburger Designtagen generell auf das Thema Kreislaufwirtschaft konzentrieren. Im Bereich Print halte ich giftfreie Druck tinten und den wachsenden Boom von Recycling- und holzfreien Papieren für einen entscheidenden Trend der Zukunft. Früher galten solche Themen als eher unattraktiv. Verantwortungsvolle Produkte hatten da noch einen dem Zweck nachgeordneten Look. Heute haben sich die Sehgewohnheiten und Ansprüche der Menschen verändert. Auf diese Weise konnte ein Thema wie Nachhaltigkeit auch in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Die 28. Coburger Designtage sind kürzlich wieder erfolgreich zu Ende gegangen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Veranstaltung?
AS:
Die Coburger Designtage sind die wichtigste Veranstaltung des Coburger Designforums Oberfranken e.V., dem ich vorsitze. Wir wollen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen für Design sensibilisieren. Dazu schlagen wir die Brücke zwischen regional ansässigen Nachwuchsdesignern aller Disziplinen und Unternehmern. Mit den Coburger Designtagen widmen wir uns in der Alten Pakethalle des Coburger Güterbahnhofs jedes Jahr designerischen Kernthemen, darunter z.B. Cradle to Cradle® Design, Urban Gardening, E-Mobilität, 3D-Druck und anderen innovativen Technologien und Materialien. Vom Workshop über den Wettbewerb bis zum Kulturevent ließen sich in diesem Jahr wieder mehr als 10.000 Besucher kreativ inspirieren. Unser Ziel ist es, durch die Designtage und unser wachsendes Netzwerk, Coburg und Oberfranken zu einem Kompetenzzentrum für Design in Deutschland werden zu lassen.

Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg. Herzlichen Dank für das Gespräch!